Rede von Hans Holzhaider zur Verleihung des Hermann-Ehrlich-Preises 2014

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Liebe Frau Heinze-Ehrlich,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,
liebe Barbara Distel,
mein Damen und Herren,

ich freue mich sehr über den Preis, der mir heute verliehen wurde, aus mehreren Gründen.
Ich kannte Hermann Ehrlich nicht persönlich – ich habe ihn zwar, wie mir Jürgen Zarusky versichert, einmal am Schlagzeug gehört, aber ich muss zugeben, dass ich daran keine konkrete Erinnerung habe. Ich habe mir aber von ihm erzählen lassen, von einem Mann, der sich in seinem Beruf als Sozialpädagoge wie auch als Mensch und Staatsbürger mit Energie, Courage und auch mit Witz ins politische Leben eingemischt hat, und ich empfinde es als eine Ehre, diesen Preis entgegenzunehmen, der seinen Namen trägt.

Ich freu mich, dass dieser Preis aus Dachau kommt, der Stadt, in der ich acht Jahre lang sehr gerne gelebt und gearbeitet habe. Das waren journalistisch spannende Jahre, und ich habe hier viele wunderbare Menschen kennengelernt, sowohl in der Stadt als auch in der Gedenkstätte. Ich hatte fabelhafte Kollegen – ich freue mich, das einige heute hier sind – sogar meinen jetzigen Chefredakteur habe ich hier kennengelernt, den ich damals noch auf Termine schicken durfte, und, nicht zu vergessen, meine heutige Ehefrau.

Ich freue mich, dass Sie mir diesen Preis für eine Arbeit verliehen haben, die sehr lange zurück liegt. Das zeigt mir, dass die Geschichten, die ich damals geschrieben habe, immer noch nachwirken, auch nach mehr als 30 Jahren. Das ist doch etwas Besonderes für einen Tageszeitungsjournalisten, der damit leben muss, dass in seine tollen Geschichten von heute morgen der Fisch eingewickelt wird. Sie wirken auch in mir noch nach. Obwohl ich seit damals viele Geschichten geschrieben habe, Geschichten ganz anderer Art, kommt es mir doch so vor, als wären diese Artikelserien über die sechs Männer, die beim so genannten Dachauer Aufstand ums Leben kamen, und über die jüdische Bürger, die aus Dachau vertrieben wurden, das Wichtigste, was ich in meinem Journalistenleben zustande gebracht habe.

Sie haben sich damals aus dem ganz normalen journalistischen Alltag entwickelt. Diejenigen unter Ihnen, die keine Journalisten sind, wissen nicht, welche profanen Ängste einen Lokalredakteur plagen. Wenn man jeden Tag vier oder sechs oder acht Zeitungsseiten füllen muss, ohne, wie die Kollegen von der „großen“ Zeitung auf ein Dutzend Presseagenturen und einen großen Stab von Korrespondenten zurückgreifen zu können, dann ergreift einen oft der horror vacui, die panische Angst vor der leeren Seite. Dann träumt man davon, dass es vier Uhr nachmittags ist und der Redaktionsschluss naht, und immer noch nichts passiert ist, was einen Aufmacher lohnt oder womit man die Seite drei füllen könnte. Diese Ängste steigern sich in den Saure-Gurken-Zeiten, in den Tagen zwischen Weihnachten und Dreikönig, und vor den Sommerferien ins Unermessliche. Deshalb zermartert sich jede Lokalredaktion alle Jahre wieder den Kopf über ein Thema für die „Sommerserie“. Sechs, acht oder noch besser zehn Folgen, die jeweils eine ganze Seite füllen und die man einfach „ins Blatt hängen“ kann, wenn sechs Wochen lang kein Gemeinderat tagt und nicht einmal die Fußball-C-Klasse für ein paar Spielberichte gut ist.

„Die Sechs vom Rathausplatz“ waren so eine Sommerserie. Unsere Redaktion befand sich damals hier in diesem Gebäude, und mindestens einmal am Tag ging man oben an der Sparkasse vorbei und damit auch an der Tafel, die dort recht unauffällig in die Wand eingelassen ist. Sechs Namen – „Am 28. April von der SS erschossen im Befreiungskampfe“. Das war doch interessant: Was für ein Befreiungskampf? Wer waren diese Männer? Wie kam es dazu, dass sie erschossen wurden? Ganz einfache Fragen.

Wahrscheinlich kam ich nur deshalb auf die Idee, weil ich von außen kam. Als ich 1978 bei der Süddeutschen Zeitung anfing, war ich vorher noch nie in Dachau gewesen. Ich war auch noch nie in der KZ-Gedenkstätte gewesen. Ich hatte eine Art natürlicher Affinität zu dem Thema, weil ich auf dem Obersalzberg aufgewachsen bin. Meine Familie kam 1949 dorthin, wir wohnten in einem der Häuser, die den Bombenangriff im April 1945 halbwegs heil überstanden hatten. Göringhaus, Bormannhaus, Hitlerhaus, Speerhaus, SS-Kasernen, waren für uns als Kinder ganz normale geographische Begriffe, ohne jede historische Assoziation. Als ich in Berchtesgaden ins Gymnasium ging, kam der Nationalsozialismus im Unterricht noch nicht vor. Auf geheimnisvolle Weise kamen wir mit dem Geschichtsstoff bis zum Schuljahresende immer nur bis zur Weimarer Republik.

Auch deshalb war Dachau für mich ein aufregendes journalistisches Neuland. Gleich in der ersten Woche ging ich in die Gedenkstätte. Der Parkplatz stand voller Autos aus aller Herren Länder. Man brauchte die Leute nur anzusprechen, sie waren alle aufgeschlossen und gesprächsbereit. Viele hatten persönliche Beziehungen zum ehemaligen Konzentrationslager, irgendein Onkel oder Schwiegervater oder Arbeitskollege kannte jemanden, dessen Vater oder Schwager oder Onkel einmal im Lager gewesen war. Ich habe nie erlebt, und ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass jemand mich oder sonst jemanden schräg anschauen könnte, weil ich in Dachau lebe und arbeite. Erst nach und nach habe ich gelernt, welche Vorbehalte und wohl auch Ängste für die alteingesessenen Dachauer mit der Existenz der Gedenkstätte verknüpft waren. Ich habe das lange Zeit nicht wirklich verstanden, aber es war einfach so. Nie werde ich die Sitzung im Stadtrat vergessen, als es um den Plan der Sinti und Roma ging, in Dachau ein Kulturzentrum zu errichten, und wie der Oberbürgermeister den Vertretern der Sinti, die im Sitzungssaal waren, zurief, man wünsche ihnen viel Glück bei ihrem Vorhaben, und die Dachauer könnten ihre Gefühle gut verstehen, denn sie seien ja selbst eine kleine verfolgte Minderheit, und deshalb könne man ihnen, den Dachauern, auf keinen Fall zumuten, dass sie noch so eine Negativeinrichtung (gemeint war: wie die Gedenkstätte) auf ihrem Grund und Boden beherberge.
Als Journalist hat man von diesem Spannungsverhältnis profitiert. Auch in Dachau gab es natürlich die üblichen kommunalpolitischen Themen, die Bebauungspläne, den täglichen Polizeibericht, den öffentlichen Nahverkehr, den Arbeitsmarkt. Aber irgendwie, so schien es mir, war das alles verwoben mit und eingebettet in die ganz besondere Situation dieser Stadt. Es war, als ob es über der alltäglichen Ebene des politischen Lebens noch so eine Art Metaebene gab, einen Subtext, den man ständig mitlesen musste, um wirklich zu verstehen, was hier vor sich ging. Wenn in Dachau über die Errichtung einer städtischen Gemäldegalerie diskutiert wurde, dann musste man den Kontext eines Oberbürgermeisters mitdenken, der einen Kunstband nach dem anderen produzierte mit dem erklärten Ziel, das „andere Dachau“ , das „Nicht-KZ-Dachau“ zu propagieren. Wenn hier ein Schuldirektor Hand in Hand mit dem Stadtpfarrer in eine Ausstellung marschierte, um das Bild einer barbusigen Madonna abzuhängen, nur weil ein angeblich sozialdemokratischer Rechtsanwalt das zu seinem Wahlkampfthema gemacht hatte, dann bekam das eine besondere Qualität, weil es eben in Dachau stattfand , und nicht in Erding oder Fürstenfeldbruck.
Das war, wie gesagt, das Spannende an der Redakteursarbeit in Dachau. Irgendwelche Behinderungen gab es nicht. Es bedurfte keineswegs besonderer Zivilcourage, sich mit Themen aus dem Umfeld des KZ-Gedenkstätte zu befassen, niemand beschwerte sich bei der Chefredaktion (jedenfalls weiß ich nichts davon), niemand versuchte, mir Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Die Schwierigkeit war eine andere.
Als ich die Idee hatte, den sechs Namen auf der Gedenktafel an der Sparkasse nachzuforschen, dachte ich, das würde eine ganz einfache Sache. Schließlich waren Straßen in Dachau nach diesen Männern benannt. Ich war sicher, irgendwo im Stadtarchiv gebe es eine Mappe mit Informationen, Lebensläufen Fotos. Aber es gab – nichts. Man wusste: Drei Namen gehörten Häftlingen des Konzentrationslagers, die anderen drei waren „Dachauer Bürger“. Mehr wusste man nicht. Diese Erfahrung wiederholte sich ein paar Jahre später, als ich die Namensliste der ehemals in Dachau ansässigen Juden in die Hand bekam. Kein Mensch wusste etwas über sie. Sie waren weg, aus dem Gedächtnis verschwunden. Das war das Problem.

Natürlich gibt es, wenn man nur lange genug fragt, immer jemanden, der etwas weiß. Ich will nur ein Beispiel erzählen. Wer war jener Anton Hechtl, der als einer der „Dachauer Bürger“ auf der Tafel stand? Hechtl ist kein seltener Name im Dachauer Land. Allein in der Stadt Dachau gab es damals zehn oder zwölf Hechtls im Telefonbuch. Man telefoniert sie alle durch – keiner kennt einen Anton Hechtl, der 1945 erschossen wurde. In den Sterbebüchern der Stadt ist im April 1945 kein Anton Hechtl verzeichnet. Die anderen fünf stehen da, Hechtl nicht. Vorsichtshalber blättert man weiter, ins Jahr 1946 – und tatsächlich, da steht er: Am 1. April 1946 hat eine Magdalena Gastl, geborene Doll, den Tod ihres Schwagers Anton Hechtl beurkunden lassen. Todestag: Der 28. April 1945. Und Frau Gastl lebt noch, sogar an der gleichen Adresse wie 1946. Aber: Sie will nichts erzählen. „Naa, da kann I Eahna garnix sagn. Was soid ma sagn über so an Mann. Er war anständig, er is seiner Arbat nachganga.“ Seltsam. Auch diesem Phänomen bin ich später noch öfters begegnet. Hier in Dachau wird– wurde damals –dieser Aufstand im April 1945 von manchen noch immer als eine Art Makel empfunden. Warum? Genau weiß ich es nicht, aber ich glaube, weil anständige Leute keinen Aufstand machen. Weil da Kommunisten beteiligt waren. Mit Kommunisten will man auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden. Es gab ja beim Dachauer Aufstand noch einen siebten Toten, der mit dem Aufstand garnichts zu tun hatte, der nur zufällig mit seinem Leiterwagen vorbei kam. Auch mit dessen Angehörigen wollte ich sprechen, aber sie weigerten sich rundweg. Auf keinen Fall. Kommt nicht in Frage.

Aber Frau Gastl ließ sich nach langem, geduldigen Zureden, doch zu einem Satz bewegen: „Da is noch a Sohn, der wohnt in Indersdorf.“ Und so fuhr ich zu Josef Hechtl in Indersdorf, und der sprach gern über seinen Vater. Er hatte auch ein Foto von ihm, das einzige, dases von ihm gibt. Es zeigt ihn am Tag seiner Hochzeit, mit seiner Braut Katharina. Es ist immer ein besonderer Moment, wenn jemand, nach langer Recherche, ein Foto auf den Tisch legt, und ein Mensch, von dem man bis dahin nur den Namen wusste, ein Gesicht bekommt.

Ich sprach mit Rudi Schmid, damals der Vorsitzende der Dachauer SPD, und siehe, ihm fiel ein, dass es irgendwo auf seinem Dachboden ein handgeschriebenes Manuskript seines Vaters gebe, und er fand es tatsächlich, und es enthielt einen Bericht über die Vorgeschichte und den Verlauf des Dachauer Aufstands, an der der Maurer Jakob Schmidt maßgeblichen Anteil hatte. Und natürlich gab es Richard Titze, einen der Gefangenen, die am Vorabend des Aufstands aus dem KZ geflohen waren und die Georg Scherer in einer Scheune bei Mitterndorf versteckt hatte. Titze war der einzige von ihnen, der in Dachau geblieben war. Er wusste, dass seine Kameraden Erich Hubmann und Toni Hackl aus Österreich stammten, und ein Brief an die Polizeidirektion in Graz, vor der Zeit, in der der Datenschutz solche Recherchen nahezu unmöglich machte, führte schließlich zu Josef Hackl, dem älteren Bruder Tonis. Der kam aus der sozialistischen Arbeiterjugend, hatte sich am Aufstand gegen den Kanzler Dollfuß beteiligt, war eingesperrt worden, und hatte sich dann den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg angeschlossen. Toni, der seinen älteren Bruder vorbehaltlos bewunderte, war ihm nachgereist. Nach dem Sieg Francos waren die Brüder in Frankreich interniert worden, bis schließlich die Gestapo auch dort auftauchte und die Spanienkämpfer nach Dachau verfrachtete. Erich Hubmann und sein Bruder Josef hatten die gleiche Odyssee durchlebt – von Österreich ins Exil in die Sowjetunion, von dort nach Spanien, Frankreich, und schließlich ins Konzentrationslager nach Dachau. Alles hatten sie überlebt – bis zu jenem letzten Tag auf dem Platz vor dem Dachauer Rathaus. Ich besuchte Erich Hubmanns Familie in Bruck an der Mur, ein paar Kilometer südlich von Graz. „Das ist ein sozialistisches Haus“, war der erste Satz, den Erichs Bruder Richard mir entgegenrief. Sie waren stolz auf ihren Bruder, der gegen die Faschisten gekämpft und zuletzt dafür mit dem Leben bezahlt hatte, und sie empfanden es als späte Genugtuung, dass nach so vielen Jahre noch jemand kam und sich nach der Lebensgeschichte ihres Bruders erkundigte.

Die gleiche Erfahrung machte ich später, als ich Johanna Jaffe, Franz Wallach und Ruth und Raimund Neumeyer besuchte, die vor den Nazis nach England geflohen waren. Dass jemand aus Deutschland kam und ihre Geschichte hören wollte, war eine Erleichterung für sie, nachdem sie sich schon längst damit abgefunden hatten, dass sie nicht nur vertrieben, sondern auch schlichtweg vergessen worden waren. Gerade vor ein paar Tagen hat Tim Locke, ein Sohn von Ruth Neumeyer, einen Text ins Internet gestellt, in dem er davon erzählt, welche Veränderung mit seiner Mutter vorging, nachdem ich sie in England besucht hatte. „Es war, als ob sich Schleusentore öffneten“, schreibt er. „Plötzlich war sie erlöst von diesem düsteren Schweigen, und sie konnte uns von ihren Eltern erzählen, von deren Verschwinden, von ihrem Abschied und der Flucht nach England.“

Journalisten können eine Menge Unheil anrichten, und in den vielen Jahren, die ich als Gerichtsreporter gearbeitet habe, habe ich einige Beispiele dafür erlebt. Aber manchmal können sie auch etwas Gutes bewirken. Sie können dazu beitragen, dass Menschen sich mit ihrer Geschichte versöhnen. Nach allem, was ich von Hermann Ehrlich weiß, glaube ich, dass so ein Journalismus in seinem Sinne ist. Deshalb freue ich mich, und ich fühle mich geehrt, dass Sie mir diesen Preis verliehen haben, und ich danke Ihnen herzlich dafür.

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