Laudatio von Barbara Distel zur Verleihung des Hermann-Ehrlich-Preises

Gepostet von

Für Hans Holzhaider
zur Verleihung des Hermann-Ehrlich-Preises
am 23. November 2014 in Dachau

In wenigen Monaten wird der 70jährigen Wiederkehr der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau gedacht werden. Es gibt heute nicht mehr viele Menschen, die sich bewusst an dieses Ereignis erinnern können, weder in der klein gewordenen Gemeinschaft der überlebenden Häftlinge noch unter den Bewohnern der Stadt Dachau, die seither mit der Geschichte des zwölf Jahre andauernden Verbrechens in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft leben müssen.

70 Jahre sind eine lange Zeit im Leben eines Menschen und auch in der Entwicklung einer Stadt wie Dachau, die sich seit 1945 von einer ländlichen Kleinstadt zu einer großen Kreisstadt im unmittelbaren Einzugsgebiet der Großstadt München gewandelt hat. Parallel dazu haben sich auch Haltung und Umgang der Bewohner Dachaus zum ehemaligen Konzentrationslager – das inzwischen seit nahezu fünf Jahrzehnten Gedenkstätte ist – im Laufe der Jahrzehnte verändert.

Wenn wir heute zusammengekommen sind um den Journalisten Hans Holzhaider für seine Arbeit in Dachau mit dem vom „Bündnis für Dachau“ gestifteten Hermann-Ehrlich-Preis auszuzeichnen, dann richtet sich der Blick zurück auf die Jahre 1978 bis 1986, in denen Hans Holzhaider Mitglied der Dachauer Redaktion der Süddeutschen Zeitung war.

Heute genießen Erinnerung an und Aufklärung über die nationalsozialistischen Verbrechen breite gesellschaftliche Anerkennung. Die KZ-Gedenkstätte ist in einem früher unvorstellbaren Ausmass personell und finanziell ausgestattet und die Stadt Dachau unterstützt und fördert seit Jahren zeitgeschichtliche Projekte. Dabei ist in Vergessenheit geraten, dass es Jahrzehnte gedauert hat, bis sich Diskreditierung und Ablehnung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu eben dieser Anerkennung gewandelt haben. Hans Holzhaider hatte in Dachau einen nicht unbeträchtlichen Anteil an dieser Entwicklung.

Als er seine Arbeit in der Dachauer SZ-Redaktion begann, unterstand die Gedenkstätte noch der Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen. Von dort gab es weder Interesse an der Arbeit noch eine angemessene Ausstattung der Gedenkstätte, die inmitten der wunderbaren Pracht der Königsschlösser und Gärten doch eher eine als peinlich empfundene Außenstelle gesehen wurde, von der möglichst wenig in die Öffentlichkeit dringen sollte. Und in der Stadt Dachau wollte die regierende Mehrheit, an erster Stelle ihr Oberbürgermeister das Image der Stadt vor den Schatten der Vergangenheit mit manchmal abstrus erscheinenden Argumenten bewahren. So sei das Konzentrationslager nicht auf dem Gebiet der Stadt Dachau sondern auf dem Gebiet der Gemeinde Prittlbach errichtet(und erst später eingemeindet worden) und habe daher nichts mit der Stadt zu tun. Die Dachauer Bevölkerung werde ungerechterweise stellvertretend für alle Deutschen für die Verbrechen der Nationalsozialisten verantwortlich gemacht. Zu erinnern sei deshalb in erster Linie an die Dachauer Künstlerkolonie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die den Namen der Stadt positiv in die Welt getragen habe. Er ließ den Spruch Ludwig Thomas „in Dachau war’s doch am Schönsten“ an öffentlichen Gebäuden anbringen. Wie dieser Spruch auf Menschen wirkte,die als Häftlinge in Dachau gequält worden waren, kam ihm wohl gar nicht in den Sinn.

Eine seiner ersten Wege in Dachau führt Hans Holzhaider in die Gedenkstätte, wo er sich über Arbeit und Probleme informierte und seine Unterstützung anbot. Er war neben dem SZ-Journalisten Hans-Günther Richard – der doch eher die Mythen der Stadt pflegte, etwa dass die SS dort verabscheut wurde und die Bevölkerung generell den Häftlingen geholfen hatte – der Erste, der sich in seiner publizistischen Arbeit intensiv mit der Stadtgeschichte der Jahre 1933-1945 und deren Verbindungen zum Konzentrationslager auseinandersetzte. (Die zeithistorische Studie von Sybille Steinbacher „Dachau – Die Stadt und das Konzentrationslager in der NS-Zeit. Die Untersuchung einer Nachbarschaft“ erschien erst im Jahr 1993).

Eines seiner grösseren zeithistorischen Projekte war 1982 eine Artikelserie für die Dachauer Süddeutsche über den so genannten „Dachauer Aufstand“ vom 28. April 1945, die 1982 auch als Broschüre publiziert wurde (Neuauflage 1995). Eine Gruppe Dachauer Bürger wollte zusammen mit einigen geflohenen KZ-Häftlingen die kampflose Übergabe der Stadt an die amerikanischen Befreier organisieren. 37 Jahre nach den dramatischen Ereignissen am Vortag des Einmarsches der Amerikaner in Dachau und der Befreiung des Konzentrationslagers rekonstruierte Hans Holzhaider die Vorbereitung und den Verlauf des gescheiterten Vorhabens, das drei Dachauer Bürgern und drei geflohenen KZ-Häftlingen das Leben kostete. Noch fand er eine Reihe von Menschen, die sich an diese dramatischen Stunden erinnerten und die ihre Erinnerungen mit ihm teilten. Und wenn auch nicht alle Fragen und Abläufe mehr restlos zu klären waren, so gelang es Hans Holzhaider doch, ein dichtes Bild des dramatischen Geschehens zu zeichnen und jedem der sechs unglücklichen Opfer mit einer eindrücklichen, unpathetischen Kurzbiographie ein Denkmal zu setzen.

Nicht zuletzt auf Grund der Forschungen von Hans Holzhaiders erhielt der dem Dachauer Rathaus gegenüber liegende Platz, der nach 1945 vom „Platz an der Stadtlinde“ in „Widerstandsplatz“ umbenannt, was jedoch vollständig in Vergessenheit geraten war, sein verschwundenes Namensschild zurück. Das Gleiche galt für die, dem ehemaligen SS-Lager entlang verlaufende 1945 umbenannte „Strasse der KZ-Opfer“.

Im Laufe der 1980er Jahre nahm auch in Dachau das Interesse an der Geschichte der Jahre 1933-1945 zu. Eine Initiativgruppe, die sich 1984 zu einem Förderverein für eine internationale Jugendbegegnungsstätte in Dachau zusammenschloss, begann ihren viele Jahre andauernden Kampf für die Schaffung einer Begegnungsstätte. Ein seit 1983 jährlich im Sommer stattfindendes, Internationales Jugendbegegnungszeltlager sollte beispielhaft vor Augen führen, welche Funktion eine Begegnungsstätte in Dachau erfüllen könnte. Jugendlichen aus aller Welt sollte die Möglichkeit zur Begegnung mit Überlebenden des nationalsozialistischen Terrors gegeben werden. Und die Jugendlichen sollten über einen Kurzbesuch der Gedenkstätte hinaus Zeit haben, auch die Stadt Dachau und ihr Umfeld kennen lernen, um der verbreiteten Vorstellung „Dachau = KZ“ entgegen zu wirken. Von Seiten der Stadtregierung und auch des Landkreises stiess das Projekt auf massive Ablehnung. Und so dauerte es 16 Jahre bis in Dachau ein Jugendgästehaus eingeweiht werden konnte. Hans Holzhaider unterstützte diesen Kampf von Anfang an, zeitweise auch als Vorstandsmitglied des Fördervereins für eine internationale Jugendbegegnungsstätte. Und nach seinem Wechsel in die Münchner Redaktion der SZ begleitete er die Bemühungen des Fördervereins weiterhin von dort aus.

! Zu Beginn der 1980er Jahre hatte er wieder begonnen, ein weiteres Kapitel Dachauer Zeitgeschichte zu erforschen. In einer erneuten Artikelserie schilderte Hans Holzhaider „Das Schicksal der jüdischen Bürger“ Dachaus, die bereits am Vorabend der Pogromnacht vom 9. November 1938 aus der Stadt vertrieben worden waren. Anhand einer Namensliste aus den 1930er Jahren, die 14 maschinengeschriebenen und einen handschriftlich hinzugefügten Namen ehemaliger jüdischer Bürger der Stadt Dachau verzeichnete, machte er sich auf die Suche nach ihren Spuren. Zunächst hielt er die Schwierigkeiten für „unüberwindlich“. Letztendlich konnte er jedoch das Schicksal von dreizehn der auf der Liste Verzeichneten aufklären. ! Die Schwiegereltern des Besitzers der Dachauer Zieglerbrauerei, der Redakteur und Verleger Heinrich Hirsch und seine, an den Rollstuhl gefesselte Frau Hedwig waren im Jahr 1938 89, bzw. 67 Jahre alt als sie die Stadt Dachau bei Nacht und Nebel verlassen sollten. Da ihnen dies nicht gelang, wurden sie zunächst für einen Tag ins Dachauer Gefängnis gebracht, bevor sie in München ins israelitische Krankenhaus weiter geschickt wurden. Hedwig Hirsch verstarb im Jahr 1939, ihr Mann Heinrich im Jahr 1940 in München.

Den grössten Teil seiner Informationen erhielt Hans Holzhaider in England. Dort besuchte er zunächst Johanna Jaffé, der es im Alter von 39 Jahren gelungen war, nach England zu entkommen. Ihre Mutter, Alice Jaffé war in München gebliebenen, bis sie im Jahr 1942 zuerst nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert wurde. Johanna Jaffé konnte Hans Holzhaider auch die Geschichte von Meinhold und Julie Rau erzählen, die ebenfalls nach England geflohen waren, wo sie im Jahr 1941 bzw. 1957 verstorben waren. Drei, dank der Kindertransporte nach England Entkommene, Ruth und Raimund Neumeier und Franz Wallach, die nach Ende des Krieges in England geblieben waren, erzählten Hans Holzhaider ihre eigene Geschichte und berichteten über das Schicksal ihrer Eltern, denen es nicht mehr gelungen war zu fliehen und die in den nationalsozialistischen Todeslagern ermordet worden waren. Der Schriftsteller Hermann Gottschalk hatte in München überlebt. Er kam im Jahr 1947 in München bei einem Unfall zu Tode. Der Industrielle Kurt Bloch, der nach dem 9. November 1938 an Stelle seines Vaters für mehrere Wochen ins Konzentrationslager Dachau verschleppt worden war, kehrte nach dem Krieg aus dem englischen Exil nach Deutschland zurück. 1961 kam auch er bei einem Unfall ums Leben. Julius Kohl, der bei der Familie Neumeier zur Untermiete gewohnt hatte, war 1943 in Auschwitz ermordet worden.

Mit dieser Arbeit hat Hans Holzhaider den ehemaligen jüdischen Dachauern ein Denkmal gesetzt, ab diesem Zeitpunkt waren sie Teil der Stadtgeschichte. 1984 erschien dann die Broschüre „…vor Sonnenaufgang. Das Schicksal der jüdischen Bürger Dachaus“ Sie fand ein starkes Echo und wurde im Jahr 2006 neu aufgelegt.

Sozusagen als Weiterentwicklung Hans Holzhaiders Recherchen begann ein Arbeitskreis „Reichskristallnacht“ mit den Vorbereitungen für eine Ausstellung, „Dachau ist somit judenfrei“ 10. November 1938: 15 jüdische Bürger werden aus Dachau vertrieben- mehr als zehntausend Juden werden in das Konzentrationslager eingewiesen.“ Es gelang dem Arbeitskreis, die Dachauer Stadtregierung davon zu überzeugen, die Ausstellung mit 15 000 DM zu unterstützen und sie anlässlich der 50. Wiederkehr des Pogroms im November 1988 im Foyer des Dachauer Rathauses zu zeigen. Als die in England lebenden ehemaligen jüdischen Jugendlichen Dachaus ihre Teilnahme an der Ausstellungseröffnung von der Errichtung einer Gedenktafel für die ermordeten Juden der Stadt abhängig machten, kam es allerdings zu erheblichen Irritationen. Der Kulturausschuss des Stadtrates lehnte in Abwesenheit des Oberbürgermeisters den Vorschlag einer Gedenktafel zunächst als „unzweckmäßig“ ab, da in der Gedenkstätte Dachau bereits aller, von den Nationalsozialisten ermordeten Juden gedacht werde und teilte dies auch flugs den Eingeladenen mit. Dieser Entschluss konnte zwar wieder rückgängig gemacht werden, aber zur Eröffnung der Ausstellung wurde am Dachauer Rathaus nur eine Gedenktafel ohne die Namen der Ermordeten angebracht. Die Namen wurden einige Monate später durch eine weitere Tafel ergänzt. Es war letztendlich den intensiven Bemühungen des Dachauer Bürgers und KZ-Überlebenden Nikolaus Lehner zu verdanken, der von sich aus Kontakt mit den Überlebenden in England aufgenommen hatte, dass diese doch noch anreisten. Die Ausstellung wurde in den darauffolgenden Jahren als Wanderausstellung in zahlreichen bayerischen Orten gezeigt.

Hans Holzhaider hatte die Dachauer Redaktion bereits 1986 in Richtung München verlassen. Er blieb jedoch dem Anliegen der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen weiterhin treu. Für das von 1985 bis 2009 erscheinende Jahrbuch DACHAUER HEFTE verfasste er im Jahr 1987 einen Beitrag über die Kinderbaracke von Indersdorf und 1994 einen Recherchebericht über „Schwester Pia – Nutznießerin zwischen Opfern und Tätern.“

Heute ist Hans Holzhaider als langjähriger Gerichtsreporter der Süddeutschen Zeitung überregional bekannt. Auch nach seiner Zeit in Dachau beschäftigten ihn die Abgründe menschlichen Handelns, wenn auch in anderen Kontexten. Für seine Gerichtsreportagen wurde er 2013 mit dem renommierten Herbert-Riehl-Heise-Preis und in diesem Jahr mit dem Karl-Buchrucker-Preis der Inneren Mission ausgezeichnet.

Im Rückblick gesehen wurde auch Hans Holzhaiders Arbeit in Dachau entscheidend von der Begegnung mit überlebenden Opfern der nationalsozialistischen Gewalt geprägt. Diese haben inzwischen fast alle diese Welt verlassen. Hans Holzhaider hat durch seine emphatische doch immer nüchterne und unsentimentale Berichterstattung seinen Lesern zahlreiche Verfolgungsschicksale nahe gebracht. Er hat für die journalistische Berichterstattung in Dachau hohe Maßstäbe gesetzt, die auch für seine Nachfolger wegweisend waren.

Deshalb ist es eine Genugtuung, dass Hans Holzhaider heute hier im Zentrum der Stadt Dachau mit dem Hermann-Ehrlich-Preis 2014 geehrt wird. Damit gerät seine für diese Stadt so bedeutsame Arbeit noch einmal ins Blickfeld der interessierten Öffentlichkeit. Ich gratuliere von Herzen.

Barbara Distel

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