Ein Kommentar aus der kommunalen Praxis über Beschleunigungspolitik, Marktlogiken und die Frage, was Städte verlieren, wenn Tempo wichtiger wird als Maß
von Kai Kühnel, Architekt und Stadtrat
Früher ließ man Brotteig Zeit. Er durfte ruhen, reifen, arbeiten. Das Brot wurde bekömmlich, aromatisch, eigenständig.
Heute geht es schneller.
Mit Treibmitteln ist Brot rasch verkaufsfähig. Für viele ist es effizienter herzustellen – aber nicht zwingend günstiger im Laden. Und für viele Menschen ist es schwerer verdaulich. Das Produkt wird schneller, aber nicht unbedingt besser.
Dieser Mechanismus ist kein Brotproblem. Er ist ein Systemproblem.
Noch haben wir beim Brot die Wahl: zwischen dem Handwerksbäcker um die Ecke und der Backwarenkette.
Aber die entscheidende Frage ist nicht, ob es diese Wahl heute noch gibt – sondern wie lange noch.
Denn Beschleunigung und Standardisierung verändern nicht nur Produkte. Sie verändern Märkte. Sie begünstigen jene, die Prozesse skalieren, Risiken verteilen und Tempo durchhalten können – nicht aus bösem Willen, sondern aus Systemlogik.
Man spürt diese Logik, wenn man heute in große Städte einfährt. Bahnhöfe sind effizient, modern, funktional – und erstaunlich ähnlich. Auch viele Innenstädte und Neubauquartiere folgen denselben Mustern. Man weiß, wie alles funktioniert – aber immer seltener, wo man eigentlich ist.
Beschleunigung spart Zeit. Standardisierung spart Reibung. Beides zusammen kostet Eigenart.
Genau diese Logik droht auch beim Wohnen. Noch gibt es lokale Bauträger, regionale Architekturbüros und Handwerksbetriebe, die den Ort kennen – und mit ihren Entscheidungen weiterleben müssen. Doch je stärker Verfahren beschleunigt, vereinheitlicht und vorstrukturiert werden, desto größer wird der Vorteil für überregionale Akteure.
Die Auswahl schrumpft nicht durch Verbot. Sie schrumpft durch Rahmenbedingungen.
Der sogenannte Bauturbo ist dafür ein gutes Beispiel. Er wird bundespolitisch beworben, landesrechtlich vollzogen – und die praktischen Folgen müssen kommunal bewältigt werden. Was als Beschleunigung angekündigt wird, erzeugt vor Ort oft zusätzlichen Steuerungsbedarf, Konflikte und Unsicherheit.
Dabei geht es um mehr als Genehmigungen. Es geht um kommunale Identität.
Städte sind keine beliebigen Flächen. Sie sind gewachsene Orte mit Maßstäben, Nachbarschaften und Brüchen. Diese Identität entsteht nicht durch Schlagworte, sondern durch Abwägung: Was passt hier? Was trägt langfristig?
Wenn Bundespolitik immer tiefer in den Kompetenzraum der Kommunen eingreift, greift sie damit auch in diese Identität ein. Nicht offen, nicht verbietend – sondern strukturell. Spielräume werden vorformatiert, Verantwortung nach unten verschoben.
Besonders deutlich wird das in der Sprache. Begriffe wie „Bauturbo“ oder die vermeintliche „Abschaffung des Heizungsgesetzes“ suggerieren Freiheit. Weniger Regeln. Mehr Handlungsspielraum.
In der Realität entstehen oft neue Vorgaben, neue Unklarheiten – und mehr Verantwortung genau dort, wo die Entscheidungsmacht schwindet.
Freiheit wird nicht erweitert. Sie wird euphemistisch umgedeutet.
Das eigentliche Risiko ist dabei nicht, dass alles teurer wird. Sondern dass es nicht günstiger wird – sondern nur schlechter: standardisierter, austauschbarer, konfliktträchtiger.
Deshalb brauchen Kommunen Leitlinien. Nicht aus Trotz. Nicht aus Verhinderung. Sondern als Akt der Selbstbehauptung.
Wie beim Brot gilt auch beim Bauen:Was zu schnell geht, bekommt Nebenwirkungen.
Und was überall gleich schmeckt, fühlt sich irgendwann nirgendwo mehr nach Zuhause an.
