Krähen terrorisieren die ganze Stadt

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Anwohner sind genervt, Landtagsabgeordnete zünden Nebelkerzen, die lokale Presse überschlägt sich mit Horrormeldungen. Die Stadt scheint hilflos…

Ein Text von Bernhard Sturm

Ein Text von Bernhard Sturm

Es ist unbestritten, Dachau hat mit der überdurchschnittlichen Häufung von Brutkolonien von Saatkrähen ein Problem. Dass die Anlieger genervt sind, können wir sehr gut verstehen. Auch, dass eine schnelle Lösung erhofft wird, ist verständlich. Dass durch die Brutzeit, aktuell die Belastung besonders hoch ist, macht es leider nicht besser.

Für das Bündnis ist es nachvollziehbar, dass die Anlieger wirksame Maßnahmen fordern. Wir sind aber eine politische Gruppierung, die versucht dauerhafte Lösungen zu bieten, anstatt Schlagzeilen zu produzieren.

…aber wir sind lernfähig. Also sind wir in der Lage die Erkenntnisse der seit 2020 laufenden Untersuchung des Bayerischen Landesamt für Umwelt. „Modellprojekt zum Management von Saatkrähen“, welches der Landtag beschlossen hat, zu lesen und Schlüsse zu ziehen, die Dachau helfen könnten.

An der Stelle sei gleich ein Geheimnis verraten. Auch Puchheim ist kein Erfolgsmodell, auch wenn es so dargestellt wird.
Die Vergrämung durch Zerstörung der Eier und mit Einsatz eines Wüstenbussard in Puchheim bei der Hauptkolonie am Friedhof, hat bei weitem nicht so gut funktioniert wie behauptet wird. Die Krähen sind jetzt zwar in Puchheim weniger, dafür sind sie jetzt in Germering, Eichenau und Maisach. Die Stadt Puchheim hat zugegeben, dass „besonders bei den Nachbarkommunen dieser Zusammenhang wahrscheinlich ist.“ Mit dem Ergebnis, dass nun auch diese Orte aufwändige und teure Vergrämungsprojekte am Start haben.
Schon erstaunlich, für die Vertreibungsaktionen scheint Geld da zu sein. Für die Suche nach einer dauerhaften Lösung aber nicht.

Jetzt können wir uns einen kleinen Seitenhieb zu unseren Kolleg*Innen der CSU und Freie Wähler nicht verkneifen.

Das was von den MDLs Seidenath und Flierl beschönigend verbreitet wird ist Jägersprache. Übersetzt bedeute das in etwa, nach und nach so viele Tiere zu töten, bis der Druck auf den überlebenden Rest so groß wird, dass alle Kolonien verschwinden.

Es reicht der gesunde Menschenverstand, um zu erkennen, dass das so nicht funktionieren wird. Es müsste in Dachau im gesamten Stadtgebiet über das ganze Jahr hinweg Störungen, und Tötungen stadtfinden. Denn ansonsten würden die Tiere eben in andere Stadtteile umziehen.

Man braucht kein Krähenexperte zu sein, um zu erkennen, dass diese „Lösung“ für Kolonie-Vögel letztlich einer kompletten Ausrottung im Dachauer Stadtgebiet gleichkommt.
Denn Krähen sind eben keine Einzelvögel, sonder hoch-soziale Wesen, die in der Kolonie leben. Als Einzeltiere zu leben hat die Natur so nicht vorgesehen.

Als politische Gruppierung, die den Naturschutz wertschätzt, können wir natürlich einer „quasi Ausrottung“, wie es auch schon mehrfach öffentlich gefordert wurde, keinesfalls zustimmen.

Abschüsse, Beizjagd und Abholzung des gesamten Altbaumbestandes in der Gemeinde, um die Bruten zu verhindern? Das ist nicht die Lösung des Problems, sondern nur Symptombekämpfung. Noch einmal. Das Problem wird nur verlagert und ist nicht aus der Welt.

Es gibt ja nicht nur Puchheim als Beispiel für im Grunde gescheiterte Vertreibungsaktionen in Bayern

Der Markt Meitingen setzt auf den Einsatz eines Falkners um Ansiedlungsversuche zu unterbinden.
„Die Gemeinde sieht die Vergrämung zur Verhinderung von Splitterkolonien als Daueraufgabe an. Dafür gibt sie jedes Jahr einen fünfstelligen Betrag aus.“

Erding „Mit der Nestentnahme als Vergrämungsmaßnahme konnte keine Reduzierung des Brutbestandes und der Kolonieanzahl erreicht werden. Ein deutlicher Zusammenhang zwischen Maßnahmen und Effekt ist nicht erkennbar.“

(Zwischenbericht „Krähenmanagement).

Das ist ja das Schöne am Populismus. Man posaunt was hinaus, was nie den Realitätscheck bestehen muss. Die A***** Karte hat die Verwaltung und der OB, der durch öffentlichen Druck gezwungen ist, die Schnapsideen umzusetzen.

Denkt man die Vorschläge von Seidenath und Flierl in letzter Konsequenz zu Ende, so bleibt nur die Ausrottung der gesamten Population. Und zwar in der ganzen Region. In unserer hochverdichtenden Landschaft, wird es irgendwo immer jemanden geben der sich (vermutlich zu Recht) gestört fühlt. Und was ist dann?

In der Fachsprache „Erhöhung der Reproduktionsrate durch menschliche Störungen im Sozialgefüge der Kolonien“. Erstaunlicherweise gehen die Befürworter massiver Vergrämung und Vertreibungsmaßnahmen, bis hin zu Abschuss, mit keiner Silbe auf diesen Fakt ein. Anscheinend passt es nicht in ihr Weltbild, dass genau die Maßnahmen die sie fordern zum gegenteiligen Effekt führen. Es werden mehr Tiere.
Zitat: „Es fällt jedenfalls auf, dass in Bayern sowohl der Anstieg der Brutbestände als auch der Anzahl der Kolonien in den Regionen, in denen im Rahmen legaler Vergrämungsmaßnahmen besonders intensiv in den Brutbestand eingegriffen wird, der Anstieg des Bestandes weitaus stärker verläuft als in Regionen, in denen das nicht der Fall ist.“ – Aha!

Fazit: Saatkrähen lösen sich nicht in Luft auf. Sie werden mehr, wenn man versucht sie zu vertreiben.

Wir würden dringend empfehlen, die Straßen und Wege unter den Bäumen regelmäßig zu reinigen, bis eine dauerhafte Lösung in Aussicht steht.
Es wäre eine schöne Geste, wenn die Stadt so zeigt sich um das Thema zu bemühen.

Der schon oben genannte Markt Meitingen könnte als positves Beispiel herangezogen werden. Die Umsiedlung der ehemaligen Hauptkolonie aus dem Stadtzentrum in das Gehölz an der ehemaligen Kläranlage am nördlichen Ortsrand ist gelungen. Es hat vier Jahre gedauert, bis die Bäume der ursprünglichen Kolonie zum ersten Mal frei von Saatkrähen waren.

Das bedeute aber auch, dass bei Vergrämung von landwirtschaftlichen Flächen die Ruhezone wiederum so weit gestört werden könnte, dass es abermals zu Splitter-Kolonien und eine Rücksiedelung in die Stadt kommt. Dann dreht sich das Rad von vorne.

Die Erfahrungen aus Puchheim aber auch aus der Region um Gersthofen/Meitingen zeigen, es müssen mögliche Ausweich-Habitate um Dachau herum ermittelt werden. Es wäre wenig gewonnen, wenn zwar eine mögliche Heimat für die Hauptkolonie gefunden wird, die Tiere es aber nicht annehmen und in die Nachbargemeinden ausweichen.

Es muss über das Nahrungsangebot nachgedacht werden. Also konsequentes Abdecken von Nahrungsressourcen wie Kompost oder Mais-Silage an Biogasanlagen. Dazu die Vermeidung von Nahrungsresten und aktive Fütterungen in der Stadt.
Aber auch ein geordnetes Angebot von Futter außerhalb des Zentrums zur Zeit der Brut und Jungenaufzucht sollte als Teil der Lösung betrachtet werden.

Im Stadtgebiet können dann durch Baumschnitt und möglicherweise durch den Einsatz von Falknern mit Beizvögeln eine Wiederbesiedelung verhindert werden.

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